Es ist mal wieder passiert, der Online-Redakteur eines Offline-Mediums ist auf den Pinguin gekommen. Auf SZON, dem "Internetportal der Schwäbischen Zeitung", in der Kategorie Multimedia Hintergrund (die man sinnvoller schlicht Technik genannt hätte), erscheint eine Serie zum Thema "Linux statt Windows".
Der Artikel verfolgt den typischen "Ich probier' das jetzt mal aus"-Ansatz und beschreibt einen Ubuntu-Installationsversuch auf der Suche nach "einem gleichwertigen Ersatz für Windows", wobei der Autor schon in der Einleitung klar stellt, wo er Linux verortet: Auf Desktops nicht geduldet, "Lieblingsspielzeug aller Nerds". Das sind gaaanz schlechte Voraussetzungen, aber zu meiner Überraschung wird das "Linuxabenteuer" von der SZON recht wohlwollend begleitet, vermutlich weil man im Ulm erkannt hat, dass "Linux-Nutzer ihr System in aller Regel umsonst [bekommen]. [...] Ein Linux System zum Laufen zu bringen, kostet unter Umständen [...] Zeit und Nerven." Leidgeprüfte Windows-Nutzer brächten jedoch "alle Voraussetzungen mit, einen Systemwechsel erfolgreich über die Bühne zu bringen. "
Die Installation scheint fehlerfrei verlaufen sein, zu Beginn der zweiten Runde läuft das brandneue Linux-System, aber das interessiert ja niemanden. Der Autor, der sich hinter dem Kürzel (hn) versteckt, wollte ja einen "gleichwertigen Ersatz für Windows", also muss er ganz schnell irgend etwas kaputt machen; er entscheidet sich für den Grafiktreiber. Ein kluge Wahl, kann man doch spätestens, wenn der Bildschirm schwarz (oder weiß) bleibt, behaupten, der Durchschnittsanwender sei mit Linux überfordert. Und was er nicht alles probiert hat: googeln, klicken, booten und bloß nicht denken.
Man kann dem Artikel weder entnehmen, was der Schwaben-Autor eigentlich erreichen wollte, noch, was dabei schief gelaufen ist. Ubuntu hatte nämlich die Grafikkarte korrekt erkannt, einen geeigneten Treiber installiert und mit den "richtigen" Einstellungen verwendet. Unser Held wollte unbedingt einen anderen Treiber, der nicht zu Ubuntu gehört und daher nicht automatisch installiert wird. Das kann man machen, muss man aber nicht. Tut man es trotzdem, sollte man wissen, was man tut. Oder zumindest nicht öffentlich rumheulen, wenn der Versuch fehlschlägt.
Zwischen den Zeilen erfährt der Leser, dass der Schreiberling über mehr Computer- (und Linux-)Halbwissen verfügt, als er zugibt (ein einfacher Anwender weiß nichts von Compiz-Effekten und 3D-Beschleunigung), und, dass das Scheitern von Anfang an Teil des Artikel-Konzepts war, denn nach Dürrenmatt sei "eine Geschichte [...] erst dann zu Ende erzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen [habe]". Die Schwäbische Zeitung hält Linux ja ohnehin für ein Medien-Phänomen und das handelt unter anderem von technischen Problemen. So wird aus positiven Linux-Erfahrung ein negativer Erfahrungsbericht. Schade.