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Von der Unmöglichkeit einen Fahrschein zu lösen

Lieber Herr Mehdorn,
sie haben vermutlich eine Mobilitäts-BahnKarte Einhundert erster Klasse – ich nehme an, dass zahlt bei Ihnen der Arbeitgeber &ndash, ein oder mehrere Autos und eine oder mehrere Sektretärinnen. Ich habe ein ÖVPN-Ticket, ein Fahrrad und einen Internet-Anschluss. Jetzt wissen Sie mit wem Sie's zu tun haben. Wahrscheinlich durften Sie schon länger keine Fahrkarte mehr kaufen. Schade, das ist nämlich eine prima Freizeitbeschäftigung. Aus eigener Erfahrung empfehle ich die Strecke Konstanz – Gent/Ghent/Gand.

Die Online-Fahrplan-Auskunft kennt 18 Verbindungen am Tag, davon allerdings nur zwei mit Preisangabe: Über Köln mit zweimal ICE, dauert neun Stunden (also so lange wie ein Flug nach New York) und hätte mich 233 EUR gekosten. (Das Angebot ist besser als es klingt, da es quasi von Haustür zu Haustür gilt.) Mit Glück und DingensSpezial33 fährt man die Strecke auch für unter 100 EUR. Wer Pech und keine Bahncard hat, zahlt 292 EUR Normalpreis (jeweils hin- und zurück).

Aber was ist mit den 16 anderen Verbindungen? Mit TGV und Thalys kann man Belgien auch erreichen. Schneller, vielleicht günstiger, aber sicher mit mehr Wahlmöglichkeiten. Die Internetseiten der deutschen und belgischen Bahnen helfen hier nicht weiter, die von Thalys und TGV Oiropp (nicht mit der französischen TGV-Seite verwechseln, die überall verlinkt ist) kaum. Nirgendwo kann man eine derart weite Reise (wir schreiben das Jahr 2008) am Stück buchen. Das Zusammenstückeln der Einzel-Tickets ist aufwendig und riskant, da diese Züge reservierungspflichtig sind. (Die Bahn nennt das Globalpreiszug, keine Ahnung warum.) Mal ganz abgesehen davon, dass beide Buchungsseiten unausgereift wirken, nur teilweise funktionieren und man nicht so recht weiß, ob (und in welcher Form) man am Ende ein Billet erhält.

Ich suche Hilfe beim Profi und kontaktiere zwei Reisebüros "mit DB-Agentur" (was auch immer das heißt). Die eine Tante will mir nicht helfen, so lange ich nicht persönlich erscheine und 3.50 EUR (den Gegenwert eines Mittagessens in der Mensa) in bar für die Fahrplanauskunft entrichte. Die andere kapituliert und schickt mich zum Bahn-Schalter.

Das Reisezentrum erreiche ich um 18.45 Uhr, eine Dreiviertel-Stunde vor Ende der Öffnungszeiten. Vor mir in der Schlange stehen zwei Kunden, die je eine Euregio-Tageskarte erwerben wollen, und ein Kunde, der eine günstige Verbindung nach Düsseldorf sucht. Weil der arme Schalterbeamte (oder wie auch immer das heutzutage heißt) den Ansturm alleine bewältigen muss und weil das mit den Zonen und Sparpreisen nicht so leicht zu verstehen ist, vergehen 2.5 Ewigkeiten bis ich vor den unübersehbar genervten Mitarbeiter treten darf. Ich bin gut vorbereitet. Bewaffnet mit den Früchten meiner Internet-Recherche, frage ich zunächst nach der günstigsten Verbindung, dann (weil der Herr mit diesem Wunsch nichts anzufangen weiß) nach der Verbindung mit Abfahrt 11:38 über Paris. Der übersichtliche LCD-Schirm zeigt eine Maske voller Striche an Stelle der Preise und Zeiten, der Mitarbeiter winkt ab: Um diese Uhrzeit könne er mir kein so kompliziertes Ticket mehr verkaufen.

Der Vollständigkeit halber probiere ich es noch bei der Hotline (1.80 EUR pro Minute, gegebenenfalls auch mehr). Dort verbindet man mich zunächst mit dem Reise-Service (0.39 EUR pro Minute), der hält sich jedoch für nicht zuständig, und will mich an die Auslands-Abteilung abschieben (unbekannter Tarif). Nach ungezählten Minuten in der Warteschleife meldet sich die Hotline zurück, meint bevor es zu teuer werde solle ich doch auflegen und es irgendwann mal wieder probieren. Nein, Zurückrufen könne man mich nicht; es gebe auch keine Durchwahlen oder Zeiten, zu den das Auslandsdings erreichbar sei. Ach ja, eine Email-Antwort habe ich nach nur 2 Tagen auch bekommen:

From: kundendialog@bahn.de

Leider sind wir nicht der richtige Ansprechpartner. Außerdem ist es nicht möglich, Preis- und Fahrplaninformationen per E-Mail zu erhalten. Dafür bitten wir Sie um Verständnis.

Lieber Hartmut, ich hoffe Du hast Verständnis dafür, dass ich trotz Klima-Debatte kein schlechtes Gewissen habe, wenn ich in den Flieger steige.

Ein Kunde